Heinrich IX: Laudatio zur Verleihung des Heinrichs an die Hospizinitiative Espelkamp

Heinrich IX: Laudatio zur Verleihung des Heinrichs an die Hospizinitiative Espelkamp

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Dreyer,

»Die Würde des Menschen ist unantastbar.« So lautet der erste Satz des ersten Artikels unseres Grundgesetzes, der zentrale, entscheidende Satz unserer Verfassung, ihr Kernsatz.

Die Landesverfassung des Freistaats Thüringen vom Oktober 1993 geht noch einen Schritt weiter als das Grundgesetz: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie auch im Sterben zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt.« 

Sie, die Hospizbewegung Espelkamp, belassen es nicht beim allgemeinen Bekenntnis. Ihnen genügt es nicht, wenn man sich in Festveranstaltungen darauf beruft, Sie haben sich dieses Bekenntnis in sehr konkreter Weise ganz persönlich zu Eigen gemacht. Dafür haben Sie besondere Anerkennung verdient. Es gibt kein beeindruckenderes Zeichen der Mitmenschlichkeit, als leidende, kranke, hin- fällige, alte, oft auch einsame Menschen, sterbende Menschen zu begleiten, überforderte Angehörige zu entlasten und Hinterbliebenen Hilfestellung zu geben.

Der Dank für die ehrenamtliche Arbeit in der Hospizbewegung Esperlkamp gilt dem Vorstand, gilt den Mitgliedern, gilt besonders den Helferinnen und Helfern. 

Die Botschaft des heutigen Abends soll heißen: »Es lohnt sich!« 

Über 20.000 kranke und sterbende Menschen erfahren heute in Deutschland jedes Jahr eine umfassende Palliativ-Versorgung. Hinzu kommen 36.000 Menschen, die von den über 1.000 ambulanten Hospizdiensten in Deutschland betreut werden. Über 40.000 ehrenamtliche Helfer tragen zu dieser enormen Leistungsfähigkeit der Hospiz-Dienste bei. Die Bewegung kann sich – Gott sei Dank und hoch erfreulicherweise – nicht über mangelnde Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement beklagen. Lange Zeit galt gut vorbereitetes Sterben als besonders erstrebenswert. Die ars vivendi, die Lebenskunst, wurde durch eine »Kunst des Sterbens«, ars morendi, ergänzt, auf die man sich vorbereiten konnte – zum Beispiel mit Sterbebüchern, die der geistlichen Einstimmung auf das Lebensende dienten. 

Als Kulturgeschichte des Sterbens und des Todes lässt sich diese Tradition des wohlvorbereiteten Sterbens vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein verfolgen. Der körperliche Verfall wurde als gottgegebenes Schicksal angesehen. Der Blick richtet sich nicht auf das zu Ende gehende diesseitige Leben, sondern auf das kommende, jenseitige, ewige Leben, auf das man vorbereitet sein sollte. 

Erst in unserer Zeit erfährt die »Kunst des Sterbens« einen Wandel; sie erscheint vielen nicht mehr als ein Teil der umfassenderen »Kunst zu Leben«, sondern wird mehr und mehr medizinisch-technisch bestimmt. Wir müssen uns in der heutigen Gesellschaft fragen: Wo bleibt noch Platz für Fragen zum Sterben und zum Tod? Sterben ist häufig aus dem »normalen« Leben verbannt und zu einer Spezialaufgabe des ärztlichen, pflegerischen und seelsorgerischen Personals in Krankenhäusern geworden.

Weit über die Hälfte der Menschen stirbt in Deutschland in Krankenhäusern, obwohl das Sterben in einer anonymen Atmosphäre von den Sterbenden als unwürdig empfunden wird. Warum aber drängen wir den bewussten Gedanken an einen würdevollen Tod an den Rand? Menschenwürdiges Sterben, das heißt ein Sterben, das unserem Menschenbild entspricht. 

Aber: Eine neue »Kultur des Sterbens« braucht unseren Einsatz, braucht viel Kraft, braucht auch Ihre Hospizbewegung. Eine neue »Kultur des Sterbens« bedeutet für den Menschen, dass er sich den existenziellen Fragen stellt und ehrliche – ethisch begründete – Antworten gibt. Das bewusste Erleben der Sterblichkeit und die Begleitung des Sterbens bringt uns dem Verständnis unserer Existenz näher. Wer Sterbenden hilft, übt Nächstenliebe – aber er hilft auch sich selbst, sein eigenes Leben und Sterben besser zu verstehen. Mit ihrer Initiative helfen Sie aber nicht nur den Sterbenden, sondern sie helfen allen Angehörigen. 

Bitte setzen Sie daher Ihre Anstrengungen mit aller Energie fort und überzeugen Sie die Menschen von Ihrem Weg, würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche der Hospizbewegung Espelkamp eine gute Zukunft. Viele Mitglieder, viele Helferinnen und Helfer. Ihr Dienst ermöglicht den Sterbenden, in Würde zu scheiden. Ihr Dienst verleiht dem Sterbenden – um Rainer Maria Rilke zu zitieren – »eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz«.

 
 
 
 

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