Heinrich VIII: Laudatio anlässlich der Preisübergabe an den RBN Solingen

Heinrich VIII: Laudatio anlässlich der Preisübergabe an den RBN Solingen

Herzlichen Dank für die Einladung!

Nach diesem eher historischen und wissenschaftlichen Zugang wähle ich bewusst einen etwas anderen.

„Über den grünen Rechtecken der Felder und dem niedrigen Bogen eines Waldes erhob sich in der Ferne ein grauer, melancholisch wirkender Hügel, trübe und schemenhaft wie eine fantastische Traumlandschaft. Lange starrte Baskerville regungslos auf dieses Bild und ich konnte seinem Gesicht ansehen, wie viel ihm der erste Anblick dieses Ortes bedeutete“.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich teile die Gedanken von Dr. Watson und die Bewunderung Sir Henry Baskervilles für Heide und Moor. Ich teile auch die Worte von Mr. Stapelton, den Arthur Conan Doyle in „Der Hund von Baskerville“ bei seinem ersten Auftritt mit einem Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel bestückt, sagen lässt:

„Das Moor ist ein wunderbarer Ort“. „Das Moor ist nie langweilig. Sie haben keine Vorstellungen von den wunderbaren Geheimnissen, die sich darin verbergen. Es ist so weitläufig, so öde und so geheimnisvoll“.

Ja, lieber Watson, ich schließe mich Mr. Stapelton an: Es ist vielfältig, verschieden und reichhaltig – wie unsere menschliche Gesellschaft.Und ja, lieber Watson, auch ich könnte wie Stapelton auf Ihre Frage „Mir scheint, Sie kennen es gut?“, antworten, „ja“, ein wunderbares Fleckchen Natur.

Meine erste Bleibe in Solingen war ja in Ohligs – fußläufig zur Ohligser Heide. Damals war die Heide noch quadratisch – heute verdient sie ihren Namen wieder, und ich bin immer wieder fasziniert und genieße die Ohligser Heide bei meinen Spaziergängen zu jeder Jahreszeit, die Feuchtheide, den Moor- und Bruchwald und die Heideweiher. Das interessante Wechselspiel von Fließgewässern mit Röhricht in den feuchten Niederungen, Trockenheide, offenen Sandflächen, Eichen- und Birkenwäldern. Den Glanz der herbstlichen Sonne, das leise Mähen einer wandernden Schafherde, das Rauschen des Windes, die unterschiedlichsten Heidemoorarten und die schnell ziehenden Wolken über den grau-blauen bergischen Himmel. Da konnte und kann ich oft durchatmen, mir Entspannung und Erholung vom Alltag gewähren.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, Sie merken, Ihr merkt schon, ich gerate ins Schwärmen. Mit gutem Grund! Nicht nur ich, sondern viele Solingerinnen und Solinger finden im Naturschutzgebiet Ohligser Heide Ruhe und Entspannung, Spaß und Erleben. Und heute kann ich mich nach so vielen Jahren Genuss und Freude persönlich und im Namen der Allgemeinheit bedanken! Bedanken bei denen, die uns in 30jährigem tatkräftigem Tun diese herrliche Natur wieder ermöglicht haben, sie renaturierten; bei denen, die uns weit über Solingen hinaus ein so großes Geschenk gemacht haben: bei dem Ortsverein Solingen des Bergischen Naturschutzvereins e.V. (RBN).

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, es ist für mich eine große Freude und Ehre, eine Laudatio  für Euch, das vorbildhafte  Engagement für den Wiedergewinn einer seltenen Kulturlandschaft zu halten. Denn es sind Eure Verdienste, die ich heute loben darf. Es ist aber auch eine Verpflichtung heute hier zu stehen und die Lobrede zu halten. Ich bin eine Frau und nehme es heute hier mit Heinrich VIII. auf. Jede und jeder weiß, was das für Frauen bedeutete. – Ich sage es mal modern: Eine Gießkanne erhält nicht jeder.

Um in der relativen Gegenwart bei unserem Heinrich zu bleiben: Ihr erhaltet heute die Gießkanne, weil Ihr Euch in ganz besonderer Weise „eingemischt“ habt. Weil Ihr seit 30 Jahren – ja, ich sagte bewusst „relative Gegenwart“ – weil Ihr seit drei Jahrzehnten die Hoffnung niemals aufgabt, die Ohligser Heide wieder zu dem zu machen, was sie mal war: eine Heide. Der Heinrich VIII wird heute an Euch verliehen – und ich komme mir doch fast ein wenig vor wie Scheherezade, die „1001 Nacht“ Sultan Scheherban Geschichten erzählte.

Warum ich mir so vorkomme?

Nun, meine Aufgabe ist, etwas zu erzählen. Mein Auftrag ist, zu schildern, warum gerade Ihr den Heinrich erhaltet, worin Eure Verdienste liegen. Und dafür habe ich nicht einmal eine ganze Nacht, sondern nur gut eine halbe Stunde Zeit! Es ist völlig unmöglich, in dieser knappen Zeit auch nur einen kleinen Überblick über die Summe der Verdienste und die Vielfalt der Tätigkeiten des Bergischen Naturschutzvereins Ortsverein Solingen zu geben.

Haben Sie schon mal versucht, 30 mal 365 Tage, also 10.950 Tage oder mit anderen Worten 15.768.000 Minuten in nur 30 Minuten zusammenzufassen?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, ich werde also einen großen Bogen schlagen und viele interessante und wichtige Einzelheiten weglassen müssen. Aber vielleicht ist das auch nicht schlimm.Glücklicherweise haben wir ja schon von Dr. Jan Boomers erfahren, wie sich Flora und Fauna der Ohligser Heide entwickelten. Und ich weiß zudem, dass Ihr den Heinrich heute nicht für eine einzelne Leistung erhaltet, sondern für die stetige tätige Arbeit, von Geburt einer Idee über ihre erste Umsetzung, ihre Kindheit, und Jugend bis hin zum erwachsenen FFH-Gebiet, zum europäischen Schutzgebiet in Natur- und Landschaftsschutz nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.Ihr habt pubertären Stürmen und Widerständen getrotzt, seid erfolgreich mit anderen Naturschutzgebieten vernetzt und steht heute hier als Vorbild für alle aktiven Naturschützer in NRW.

Ihr habt Euch die Gießkanne allein deswegen schon längst verdient. Der Heinrich ist ein Signal für Ideen, die das Land erobern. Ihr habt den Naturschutz in NRW vorangebracht.Der Heinrich ist aber auch ein Symbol für gesellschaftliche Hoffnungsmodelle. Nach Adam Riese wart Ihr ein bedeutsamer Multiplikator – und ich wünsche, dass wir in unserer Gesellschaft  ähnliche Effekte erreichen:Wenn sich beispielsweise in einem renaturierten Feuchtbiotop fünf seltene Pflanzen wieder ansiedeln, zu denen dann noch mindestens zehn weitere, darin lebende Organismen hinzukommen, kommen wir irgendwann auf zwanzig und mehr unterschiedliche zurückgekehrte Arten – es entsteht Vielfalt und Verschiedenheit. Genau das, was wir überall in unserer Gesellschaft haben und auch dort viel mehr schätzen lernen sollten!

Wenn wir durch die Ohligser Heide wandern, genießen wir die Vielfalt. Wir erfahren wieder eine betörende Reichhaltigkeit an Eindrücken, optische, olfaktorische, haptische und akustische – aber auch emotionale und soziale.Die Ohligser Heide ist in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit eine ganzheitliche Erfahrung. Es gibt wenige Strophen die dies besser ausdrücken als die folgenden (Sie kennen sie sicherlich alle)

„O schaurig ist's übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche, […]

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt, als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind -

Was raschelt drüben am Hage?“

Wie Annette von Droste-Hülshoffs „Knabe im Moor“, mit seiner Fibel im Arm, ein Grundschulkind auf dem Weg nach Hause, erkunden „die wilden Hummeln“, zwölf Kinder im Alter zwischen 7 und 10 Jahren einmal im Monat die Solinger Natur. Ich weiß, dass „die wilden Hummeln“ schon viele Lebensräume unter die Lupe  genommen haben, den in der Ohligser Heide wieder einheimischen Fledermäusen und sogar Feuersalamandern begegnet sind!

Ja, Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,, Ihr erhaltet heute die Gießkanne. – Auch hier ist sie ein Symbol für die vielfältigen Aktivitäten des Ortsverbandes. Ihr aktiviert  Menschen, Kinder – und auch immer mehr Jugendliche:Nach den letzten Sommerferien starteten beim Bergischen Naturschutzverein, Ortsverein Solingen die „Green Ranger“, eine Gruppe für 11- bis 14jährige, die ebenso wie „die wilden Hummeln“ die Solinger Natur erkunden, sich für die Natur einsetzen und die Erwachsenen bei der praktischen Biotoppflege unterstützen.Bei den  „Green Rangers“ stehen das Kennenlernen heimischer Tier- und Pflanzenarten und der Schutz von Natur und Umwelt im Vordergrund und – das finde ich in Zeiten selbstbestimmten Lernens so wunderbar – die  „Ranger“ gestalten das Programm selber mit.

Ihr schafft  außerschulische Lernorte, Ihr weckt Bewusstsein für unsere Umwelt, für Vielfalt und Verschiedenheit, für den schonenden Umgang mit Ressourcen und das bei denen, die die Zukunft unserer Gesellschaft sind: Bei unseren Kindern. Eure Haltung ist es, die den Fortgang unseres Zusammenlebens von Mensch zu Mensch und von Mensch und Natur bestimmen wird. Die Haltung unserer Kinder ist die Haltung, die unsere Gesellschaft morgen haben wird und auch daher bin ich, sind wir alle, Euch sehr dankbar: Ihr schafft Sensibilität für unsere Umwelt und Mitwelt, für Pflanzen, Tiere und Menschen. Ihr schafft Lebensräume und Lernnetzwerke vor Ort.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,die Gießkanne ist ja nicht Euer einziger Preis. Schon 1988 erhieltet Ihr für Eure jahrelange Kopfweidenpflege den Umweltschutzpreis der Stadt Solingen. Ich denke, wir können zu Recht sagen: Ohne Euch, ohne den Ortsverein Solingen des RBN wäre Solingen nicht Solingen.

Solingens wunderschöne Natur- und Kulturlandschaften – die Wupper mit ihren wildromantischen Abschnitten zwischen Müngsten und Glüder, die unzähligen Bäche und Siefen, die vielfältigen Hang- und Talwiesen im Wechsel mit ausgedehnten Buchenwäldern und eben auch wieder die Ohligser Heide mit ihren geheimnisvollen Moor- und Heideflächen haben wir insbesondere Euch und Eurer Vernetzung von Naturschutzgebieten zu verdanken. All diese Lebensräume bieten zahlreichen Tieren und Pflanzen eine Lebensgrundlage und uns Menschen Lebensräume. Lebensräume zum Erholen, Genießen, zum Schauen, Erfahren und auch Lernen. Lernen wie schön und schützenswert unsere Natur ist, wie reichhaltig und bunt, wie faszinierend und vielseitig.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, auch dafür möchte ich Euch danken und auch damit seid Ihr Vorbild. Für den Bereich des Naturschutzes und für unsere Gesellschaft.Unsere Natur ist bunt, das schätzen und genießen wir. Im Herbst ist sie noch bunter, wenn Stürme buntes Herbstlaub vor sich her treiben und anschließend die goldene Sonne Feld, Wald, Wiese, Moor und Heide in ein zauberhaftes Licht taucht. Aber nicht nur die Ohligser Heide, die Weiden oder Obstwiesen, um die Ihr Euch momentan grad sehr bemüht, sind bunt. Die ganze Welt ist bunt.Und ebenso wie wir die Vielfalt und Verschiedenheit der Ohligser Heide genießen und sie in Gegenwart und Zukunft als Lebensraum brauchen, brauchen wir die bunte Welt, ihre Vielfalt, Verschiedenheit für unsere menschliche, gesellschaftliche und demokratische Zukunft.

Als Ihr 1979 anfingt mit Eurer Arbeit, dann in den 80er Jahren Euch intensiv um die Ohligser Heide bemühtet, war Vielfalt nicht vorhanden. Ihr habt  Fichtenabraum und Nadelbelag beseitigen müssen, Entwässerungsgräben und Tümpel angelegt, damit sich die unterschiedlichen Vegetationsstrukturen wieder regenerieren und sich die ursprünglich heimische Flora und Fauna in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt wieder ansiedeln konnte. Das ging nicht von heute auf morgen. Das brauchte Geduld, Zeit und viel Engagement. Noch Jahrzehnte später hat sich der Lebensraum nicht vollständig wieder erholt. Genau diese Geduld, diese Zeit und dieses Engagement brauchen wir an vielen Stellen unserer Gesellschaft.Insofern lobt der Heinrich natürlich auch Euch als ein Vorbild.

Was heißt das konkret? Was haben die ehrenamtlichen Naturschützerinnen und Naturschützer des RBN gemeinsam mit NABU und BUND in der Ohligser Heide bereits erfolgreich gemacht?

Sie haben zahlreiche Geländeeinsätze durchgeführt,sie haben standortfremde Gehölzstrukturen in örtliche Vegetationstypen umgewandelt, sie haben Heideflächen geschaffen und die Wasserversorgung der Feuchtheide und Moorbereiche verbessert – also Ressourcen geschaffen.Der Boden ist bereitet, gleichwohl muss jetzt der Boden bestellt, das zarte Pflänzchen gegossen, gedüngt, gehegt und gepflegt werden, damit es auch wachsen kann – wer weiß das besser als  Ihr die Ihr heute die Gießkanne erhaltet?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, die Natur, die Ohligser Heide, die Obstwiesen, die Weidelandschaft sind wieder bunt. Aber, ich sagte es bereits, die ganze Welt ist bunt. Achtung und Akzeptanz der Vielfalt von Natur und Kultur, von Pflanzen, Menschen, Ländern, Sitten und Gebräuchen ist eine Eigenschaft, die in einer immer stärker vernetzten Welt immer wichtiger wird. Ihr helft mit, dass Erwachsene und Kinder diese Eigenschaft entwickeln. Es braucht nicht immer große Projekte mit langen Namen. Wichtig ist, dass wir anfangen.Als Schulministerin bin ich natürlich besonders dankbar für den Bildungsaspekt der Arbeit des RBN. Die Ohligser Heide ist ein wunderbarer außerschulischer Lernort! Ihr bringt Euch ein und Ihr mischt Euch ein. „Einmischung ist die einzige Möglichkeit realistisch zu bleiben“ – so der Leitspruch der Heinrich Böll Stiftung NRW.Ihr habt angefangen und Ihr macht weiter. Dafür bekommt Ihr heute „Heinrich VIII.“ Vielfalt und Verschiedenheit bereichert und ich sage es mal mit Walter Gropius – „bunt ist meine Lieblingsfarbe“.

Mit Hilfe von Vorbildern entsteht eine Dynamik: Indem die ersten sich auf den Weg machen, es wagen und probieren, es schaffen – und andere dazu kommen. All Euer langjähriges Engagement verdient Anerkennung. Das verdient einen Abend wie diesen. Und auch wenn es nur fünf Buchstaben sind, in ihnen steckt sehr, sehr viel: Danke.

Danke für die Ohligser Heide, einem der wertvollsten Schutzgebiete der rechtsrheinischen Heideterrassen!

Danke für Euer weit über Solingen, die Ohligser Heide, den Bergischen Naturschutz hinausreichendes Engagement.

Danke für die Schaffung von Lern- und Lebensräumen für unsere Kinder und Jugendlichen und – für uns alle!

Danke für die wieder bunte Natur in einer bunten Welt, die wir gar nicht genug schätzen können!

Danke für den Schutz von Flora und Fauna, von Feld, Wald und Wiese für die vielseitige und vielfältige Landschaft – und unsere Ohligser Heide.

Ich freue mich sehr, dass ich Euch heute Heinrich VIII. überreichen darf! Es ist unsere Welt, die Ihr uns gestaltet habt und weiter gestaltet.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, mit Sherlock Holmes habe ich angefangen – mit Sherlock Holmes möchte ich auch schließen:

„Und jetzt, mein lieber Watson, könnten wir noch bei Marcini’s vorbei, um ein kleines Abendessen einzunehmen.“

Herzlichen Glückwunsch, lieber Ortsverein Solingen des Bergischen Naturschutzvereins (RBN)!

Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Abend.

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