Der Selbstbetrug der Mittelschicht - 7 Thesen von Referentin Ulrike Herrmann

Der Selbstbetrug der Mittelschicht - 7 Thesen von Referentin Ulrike Herrmann

1) Die Mittelschicht fürchtet den Abstieg – durchaus begründet. Ein paar Zahlen aus Deutschland: 1998 zählten noch 64,3 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht. Zehn Jahre später, 2008, waren es nur noch 58,7 Prozent. Umgekehrt gehörten 2008 schon 22,5 Prozent zu den sogenannten „einkommensschwachen Haushalten“. 1998 waren es erst 17,7  Prozent.

2) Die Ursache: Die Reallöhne sinken, während die Firmengewinne explodieren. 

3) Das Vermögen ist inzwischen bei wenigen Familien konzentriert. So kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu dem Schluss, dass das reichste Hunderstel bereits 33 Prozent des Finanzvermögen besitzen könnte. Das oberste Zehntel verfügt über ungefähr 61 Prozent des Volksvermögens. Da bleibt für den großen Rest nicht mehr viel übrig. Die untere Hälfte hat praktisch gar nichts – und kommt auf nur 1 Prozent des Volksvermögens.

4) Die Mittelschicht ist nicht Opfer, sie ist Täter. Sie wirkt an ihrem eigenen Abstieg mit. Denn “die Mitte” stellt die breite Mehrheit der Wähler und entscheidet jede Wahl.

5) Doch merkwürdig: Permanent stimmt die Mittelschicht für Reformen in der Steuer- und Sozialpolitik, die ihr selbst schaden und die nur den Reichen nutzen. Nur ein eklatantes Beispiel: Der Spitzensteuersatz wurde von 53 auf 42 Prozent gesenkt. Und wie der Name schon sagt: Ihn zahlen nur die Spitzenverdiener.

6) Der Trick: Die Mittelschicht wird zum Selbstbetrug animiert. Die Mittelschicht hält sich selbst für eine Elite und solidarisiert sich daher mit den Reichen. Dabei wirken drei Mechanismen ineinander:

6a) Da ist zunächst die vehemente Verachtung für die Unterschicht. So glauben rund 60 Prozent der Bundesbürger, dass sich Langzeitarbeitlose „ein schönes Leben auf Kosten der Gesellschaft machen“ würden. Weil man selbst nicht arbeitslos ist, fühlt man sich bereits als Elite.

6b)  Die Mittelschicht – das ist der zweite Mechanismus – glaubt noch immer an die eigene Karriere.  Dieser ökonomische Aufstieg erscheint vielen auch deswegen so naheliegend, weil sie ja bereits einen Aufstieg erlebt haben – einen Bildungsaufstieg. 

6c) Über den Reichtum der Reichen ist drittens wenig bekannt.  Dies liegt unter anderem daran, dass eine Vermögenssteuer fehlt, die zu einer lückenlosen Erfassung des Vermögens führen würde. 

7) Die Finanz- und Eurokrise verschärft die Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung erneut. Denn bisher werden die Verluste sozialisiert – und die Gewinne privatisiert.  

Dabei zeigt der "New Deal" des US-Präsidenten Roosevelt ab 1933, wie es besser geht. Dort wurden die Reichen gezielt besteuert, um Konjunkturprogramme zu finanzieren. Das Ergebnis war nicht etwa das Ende des Kapitalismus, sondern ein sehr stabiles Wachstum, von dem auch die Unternehmer profitiert haben (trotz der hohen Steuern).

Wer mehr wissen will: Ulrike Herrmann, Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht (Piper 2011)

 

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