Böll befragt ... CORRECT!V (4|16)

Böll befragt ... CORRECT!V (4|16)

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Herr Sachse, „Recherche für die Gesellschaft.“ - unter diesem Leitmotto steht die Arbeit von CORRECTIV. Leisten herkömmliche Medien keinen zufriedenstellenden Beitrag mehr zur Erhöhung der Transparenz gewisser Themenkomplexe?

Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu bestehenden Medien, sondern als Ergänzung. Es gibt viele Journalist*innen in Deutschland, die hervorragende Arbeit machen. Leider passiert das nicht überall, besonders im Lokalen steht der Journalismus vor einer Herausforderung. Kolleg*innen erleben einen Produktionsdruck und haben wenig Zeit für eigene recherchierte Geschichten. Manche Regionen in Deutschland haben gar keine Reporter*innen mehr vor Ort. Wir glauben, dass wir als nicht gewinnorientiertes Recherchezentrum helfen können, diese Lücken zu füllen. Wir sind unabhängig und arbeiten mit Journalist*innen und Bürger*innen zusammen.

In welchen Bereichen sehen Sie eine besonders hohe Notwendigkeit in bestehende - oder fehlende - Berichterstattung einzugreifen und warum?

Da gibt es viele Themen. Oft mangelt es an der Zeit tiefe strukturelle Analysen anzugehen. Die sind in jedem Schritt aufwändig. Zunächst müssen Informationen besorgt werden. Danch braucht es seine Zeit die Information auszuwerten und schließlich sie so darzustellen, dass die Leser*innen auch Lust haben die Ergebnisse zu lesen. Nehmen wir unsere aktuelle Recherche zu den Sparkassen: Wir haben vor über einem Jahr mit der Recherche begonnen. Mittlerweile besteht unsere Datenbank zu den 409 Sparkassen in Deutschland aus über 10.000 Datenfeldern. Wie viel verdient mein Sparkassen-Chef? Welche Vereine werden in meiner Region gefördert? Wie hoch sind die Dispozinsen? Journalist*innen und Bürger*innen können sich daraus die Informationen raussuchen, die für ihre eigene Region relevant sind.

In vier Workshops laden Sie interessierte Bürger*innen ein, ihre lokalen Sparkassen besser verstehen zu lernen. Der erste Workshop fand im Januar in Düsseldorf statt. Welche Reaktionen gab es seitens der Teilnehmenden?

Das war ein spannender Austausch. Die Teilnehmenden hatten ganz unterschiedliche Hintergründe. Bankanalysten, Sparkassen-Kunden, Mitarbeiter*innen der Sparkasse oder einfach interessierte Leser*innen. In den Diskussionen haben wir über viele grundlegende Fragen zu den Sparkassen diskutiert. Welche Fragen muss mir die Sparkasse eigentlich beantworten? In welchen Berichten finde ich Infos über meine Sparkasse? Welche öffentliche Register, wie das Grundbuchregister, kann ich einsehen?

Und seitens der Sparkasse Düsseldorf?

Die Sparkasse Düsseldorf hat sich nicht zum Workshop geäußert. Wir haben aber über die Stadtsparkasse Düsseldorf gesprochen. In Düsseldorf gibt es gerade eine große Diskussion darüber, ob die Sparkasse nicht größere Anteile ihres Gewinns an die Stadt ausschütten sollte. Diese Frage betrifft im Prinzip alle Städten und Gemeinden in Deutschland, die Träger einer Sparkasse sind.

 Wie können sich  Bürger*innen auch außerhalb der Städte, in denen Sie die Workshops anbieten, aktiv an der Recherche beteiligen?

Wir haben eine virtuelle Redaktion ins Leben entwickelt. Auf crowdnewsroom.org kann sich jede*r Interessierte kostenlos anmelden und Teil dieser Redaktion werden. Mittlerweile arbeiten über 500 Personen mit. Auf der Plattform bringen wir journalistisches Handwerk bei. Das Gelernte kann direkt praktisch umgesetzt werden, indem man Informationen für seine Sparkasse vor Ort einträgt. So entsteht eine riesige Datenbank von der jede*r Bürger*in profitiert. Ein Beispiel: Wir haben gemeinsam die zentralen Zinssätze aller Sparkassen zusammengetragen. Auf einer Karte können die Angebote der Sparkassen miteinander verglichen werden: https://crowdnewsroom.org/ergebnisse/zinsen/karte/

Welchen Schluss können Sie persönlich bereits aus den derzeitig vorliegenden Erkenntnissen der Gesamtrecherche ziehen?

Ich habe bemerkt, wie wertvoll es ist, wenn Journalist*innen aktiv mit Bürger*innen zusammenarbeiten. Beide Seiten profitieren. Bürger*innen erlernen Medienkompetenz und für Journalist*innen sind Geschichten in ganz anderen Dimensionen möglich. Diese Zusammenarbeit stärkt die vierte Gewalt und damit auch die Demokratie in Deutschland.