Böll befragt ... Yvonne Firdaus (3|17)

Böll befragt ... Yvonne Firdaus (3|17)

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Liebe Yvonne, ein alter Fabrikkomplex wirbelt die Düsseldorfer Arbeitslandschaft mächtig auf: Welche Idee steckt hinter dem Factory Campus (FC)?

Ein zukunftsweisendes Konzept: Coworking ist eine Entwicklung im Bereich neue Arbeitsformen. Unterschiedlichste Wissensarbeiter arbeiten dabei unter einem Dach und können auf diese Weise voneinander profitieren. Coworking Spaces stellen Arbeitsplätze, Infrastruktur und weitere Services zur Verfügung und ermöglichen durch Veranstaltungen, Workshops etc. die Bildung innovativer 
Gemeinschaften.

Der Factory Campus setzt das fort, was mit dem Coworking Space GarageBilk 2010 begann. Die Vernetzung von Startups, Mittelstand, Großunternehmen, Kreativen und Wisssenschaft mit dem Ziel gemeinsam zu innovieren und zu wachsen. Der Campus ist ein Innovationshub, dem ein ‘Office-­as-­a-­service’-Gedanke zugrunde liegt und der sich als Teil der digitalen Transformation begreift und darin eine proaktive Rolle einnimmt. Durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen und Infrastruktur für Startups, Firmen, 
Investoren, Entrepreneure, Kreative etc., entsteht ein Ökosystem, in dem Startups und Investoren zueinander finden und Gründungen bei Erfolg rasch wachsen können. Aber auch Mittelständische Unternehmen und Konzerne, stehen im Zuge der digitalen Revolution vor großen Herausforderungen. Die Anpassungsleistungen, denen sie sich stellen müssen, bedürfen einer hohen Geschwindigkeit. Daher brauchen auch etablierte Unternehmen junge, innovative Ideenfinder und deren Methodiken und Vorgehensweise an ihrer Seite. Der Factory Campus bietet gerade auch bestehenden Unternehmen ideale Voraussetzungen, um den Anschluss an neue Technologien und junge Geschäftsideen zu finden. In diesem Sinne erzeugt der Campus durch Arbeitsumgebung, Veranstaltungen und der Vernetzung der Mitglieder und Partnern einen innovativen Nährboden um sich gemeinsam in der Arbeitswelt  zukunftsfähig  aufzustellen.

Woher stammt die Inspiration für diese Idee? Wie kamst Du mit der Co-­Working-­Idee in Verbindung?

Als Inspiration dienten mir 13 Jahre Erfahrungen als Entrepreneur in Südostasien und der Erkenntnis wieviel persönliche wie  gesellschaftliche Möglichkeiten darin liegen. Durch mein Studium ‘Sustainable Development’ am Imperial College London wurde ich zum ersten Mal auf das Konzept ‘Coworking’ aufmerksam. Entrepreneurship ist eine Chance für die Gesellschaft weil es die Arbeit mit knappen Ressourcen für intelligente Innovationen lehrt, für die bestmögliche Investition, für privaten und gesellschaftlichen Nutzen. Entrepreneurship ist eine Kultur des Unternehmerischen. Damit sind nicht nur Unternehmensneugründungen gemeint, sondern Entrepreneurship präsent und gelebt in möglichst allen Stufen eines Unternehmens legt kreatives Potenzial frei.
Entrepreneurship ist der Kern des Coworking Gedanken. Coworking macht Entrepreneurship zugänglich und attraktiver und setzt mit seinem Konzept bei den Gründern an, seinen Neigungen, Talenten und Fähigkeiten und verhilft damit zur Teilhabe am unternehmerischen Sektor.

Co-Working– wörtlich übersetzt bedeutet es ja zunächst nichts anderes als Zusammenarbeit. Wodurch unterscheiden sich Co-Worker*innen von Kolleg*innen?

Im Gegensatz zu Kolleg*innen arbeiten Co-­Worker*innen  meist unabhängig voneinander und sind in unterschiedlichen Projekten angesiedelt und aktiv.  Co-Worker*innen  sind meist selbstständig und seltener angestellt. Ihre Denkweise ist deshalb unternehmerisch gesprägt und zeichnet sich aus durch hohe Eigenmotivation, Kreativität, Risiko- und Verantwortungsbereitschaft. Sie verknüpfen
sich im Gegensatz zu Kolleg*innen häufig interdisziplinär.

Auf welche Menschen treffe ich im FactoryCampus, sollte ich mich für eure Räumlichkeiten als Arbeitsplatz interessieren?

Die meisten Coworker kommen aus dem „Home-Office“. Das sind alle diejenigen, die selbst entscheiden wann und wo Sie arbeiten. Menschen, die Ihren Arbeitsalltag flexibel gestalten und sich gerne mit Gleichgesinnten austauschen möchten. Also klassischerweise Freelancer, Entrepreneure, Startups, Journalisten, kleine Unternehmen, Projektinitiatoren, Blogger, „Digital Nomads“, aber 
auch ‘Außenstellen’ junger  Unternehmen, Teamprojekte,  Ausgründungen  aus  der  Universität, Menschen, die Ihren Arbeitsalltag auffrischen und weitere Kontakte schließen möchten, gemeinnützige Projekte etc. Einige findest Du schon auf unserer Webseite: Schaut mal rein ;)

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick: Die alternative Arbeitsform erfreut sich wachsender Beliebtheit. Wie schätzt Du die Prognosen 
für die Arbeitssituation hier in NRW ein? Ist der klassische Bürojob in 50 Jahren passé?

Coworking stellt längst keine alternative Arbeitsform mehr dar, verfolgt man die rasante Steigerung kreativer Wissensarbeiter sowie die Entwicklung grosser Hubs, wie dem Factory Campus, in den europäischen Metropolen. Agiles Arbeiten nimmt zu. Auch durch die Zunahme ergebnisorientierter Arbeitszeitmodelle sowie leistungsfähigeren Kommunikationstechnologien nimmt die Anforderung an die
physische Präsenz von Wissensarbeitern im Büro ab. ‘Knowledgeworker’ der Zukunft werden mittelfristig in der Lage sein, Kollegen und Arbeitsumgebungen mit Virtual-­ und Augmented-Reality-­Technologien einzublenden. Durch diese verstärkt vernetzten und multilokalen 
Arbeitsformen wird der Bedarf an Büroräumen sinken.
Die Nachfrage nach flexiblen Modellen, wie Coworking und Office-as-a-Service-Anbietern wird  jedoch dementsprechend steigen, da Unternehmen Büroflächen und Arbeitsplatzausstattung einsparen. Orte wie der Factory Campus bieten anpassungsfähige Raumstrukturen und Flächeneffizienz, beweisen Pioniergeist und tragen in NRW massgeblich dazu bei auf die zukünftige Arbeitssituationgut vorbereitet zu sein.

 

Unsere diesjährige Sommer-Akademie "Gesellschaft im Wandel: Anders leben, arbeiten & wirtschaften" findet - unter anderem mit Yvonne - vom 14. - 16. Juli 2017 im Factory Campus, Erkrather Straße 401, Düsseldorf statt. Weitere Infos: Sommer-Akademie 2017

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