Böll befragt ... Tim Engartner (4 | 17)

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Herr Engartner, Sie sind Professor für Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt. Was steckt eigentlich hinter der Didaktik der Sozialwissenschaften?
Das ist eine schwierige, weil im Grunde nur sehr umfänglich zu beantwortende Frage, aber ich versuche es in einigen wenigen Sätzen: Die Didaktik der Sozialwissenschaften zielt auf die Vermittlung politikwissenschaftlicher, soziologischer und ökonomischer Inhalte, Methoden und Paradigmen. Um die wechselseitigen Bezüge zwischen Politik, Soziologie und Ökonomie sowie ihre bisweilen unterschiedlichen Logiken analysieren zu können, werden Lehr- und Lerninhalte in der Form thematisiert, so dass sich eine „Klammer“ zwischen diesen Sphären bieten. Lernenden soll im Zuge der Lebenswelt-, Situations- und Problemorientierung ein Blick auf die „Welt hinter der Welt“ eröffnet werden. Davon ausgehend, dass demokratische Verhaltensweisen nicht anthropologisch festgelegt sind, sondern jeden Tag und bis ins hohe Alter erlernt werden müssen, ist und bleibt die intensive Beschäftigung mit „Demokratie“ als politischem Prinzip sowie als Staats- und Lebensform eine Kernaufgabe der politischen Bildung.

Zugleich geht es in Zeiten, in denen immer mehr Gesellschaftsbereiche marktförmig geordnet werden, um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den (Dys-)Funktionalitäten von Märkten. Die Schwerpunkte unseres Arbeitsbereichs an der Goethe-Universität Frankfurt reichen von empirischen und normativen Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Didaktik über die Frage, weshalb Pluralismus und Subjektorientierung zentrale Leitmotive der politisch-ökonomischen Bildung darstellen, bis hin zur Analyse, Bewertung und Entwicklung von Unterrichtsmaterialien. Unser langfristiges wissenschaftliches Interesse zielt auf die Einstellungsforschung im Kontext sozialwissenschaftlicher Bildung, aber auch der Wandel von Staatlichkeit beschäftigt uns sehr.

Ende letzten Jahres haben Sie ein neues Buch unter dem Titel „Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland“ veröffentlicht. Sie beschreiben darin, wie Privatisierungen den Staat schwächen und damit auch uns, die Bürger*innen. Können Sie mir hierzu ein Beispiel nennen?
Ein besonders dramatisches Beispiel für eine fehlgeschlagene Privatisierung ist die Privatisierung der Deutschen Bahn, die derzeit jeden Tag 8.000 Stunden Verspätung einfährt. Fahrpreiserhöhungen, Bahnhofsschließungen, Verzögerungen im Betriebsablauf aufgrund »dichter Zugfolge« – immer wieder gerät die Deutsche Bahn aufs Abstellgleis. Als internationaler Mobilitäts- und Logistikdienstleister konzentriert sich das »Unternehmen Zukunft« auf Frachttransporte zwischen Dallas, Delhi und Den Haag statt auf die Fahrgastbeförderung zwischen Delmenhorst, Dinslaken und Düren. Beinahe zwei Drittel seines Umsatzes erzielt der einst größte Arbeitgeber der Bundesrepublik inzwischen mit bahnfremden Dienstleistungen. Der Global Player vernachlässigt den inländischen Schienenverkehr und setzt stattdessen auf profitable Fluggesellschaften (Bax Global), Lkw-Speditionen (Stinnes), Fuhrparks (Bundeswehr) oder den Ausbau des Schienenverkehrs in Indien und Saudi-Arabien. Die Fehlentwicklungen im Bahnwesen sind geradezu historisch, hat sich die positiv konnotierte Eisenbahn-Terminologie doch selbst im alltäglichen Sprachgebrauch niedergeschlagen: Termingenauigkeit wird umschrieben mit „pünktlich wie die Eisenbahn“, ein sich abzeichnendes gutes Geschäft befindet sich „auf dem richtigen Gleis“, im Trend liegt, „wer den Zug der Zeit kennt“, und wenn ein aufwendiger Empfang bereitet wird, so ist von einem „großen Bahnhof“ die Rede. Es wird Zeit, dass die Bahn eine Renaissance erlebt – nicht nur damit wir bahnbezogene Idiome wiederbeleben können, sondern damit die Börsenbahn wieder zur Bürgerbahn wird.

Wie und wo sollte Ihrer Ansicht nach dieser Art der Privatisierung begegnet werden?
Der häufig aus reiner Finanznot geborene Ausverkauf von Volksvermögen stößt mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft auf – leider noch immer meist unzureichend artikulierte – Skepsis. So sind sich mehr als zwei Drittel der SPD- und Unionswähler einig, dass Bahn, Post und Gaswerk beim Staat besser aufgehoben sind als in privaten Händen. Offenkundig ist der Glaube an die Allmacht des freien Marktes erschüttert, weil viele Bürger realisieren, dass der Marktfundamentalismus als Form demokratischen Analphabetentums begriffen werden muss. Der 2014 verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher schrieb angesichts der gescheiterten marktliberalen Verheißungen, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert habe, das nur noch wenige bereichert, weshalb er der Linken Recht geben müsse. Wenn nun immer mehr Liberal-Konservative die linke Skepsis gegenüber der bedingungslosen Marktorientierung teilen, sollte dies ein Grund zur Hoffnung auf die längst überfällige privatisierungspolitische Wende sein. Wenn die unliebsamen Folgen von Privatisierungen stärker als bislang in die Öffentlichkeit getragen werden, wird sich das Märchen vom Segen der Privatisierung als zentralem Hebel neoliberaler Politik nicht weiter wie ein endloses Spruchband durch Talkshows, Unternehmensverbandskonferenzen, Parteitage und Regierungserklärungen ziehen können. Die negativen Folgen von Privatisierungen müssen aber noch stärker in das öffentliche Bewusstsein dringen, um das Gemeinwohl vor dem kapitalen Ausverkauf zu bewahren. Bislang formiert sich selbst in Kreisen der SPD, der Gewerkschaften und der Kirchen oftmals kein wirksamer Widerstand gegen die Rhetorik des „schlanken Staates“. Und das muss sich dringend ändern. 

Tipp:

Am 26. April liest Tim Engartner ab 19.30 Uhr im BiBaBuze in Düsseldorf aus seinem Buch "Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland". Weitere Inforamtionen und Anmeldung: http://calendar.boell.de/de/event/das-neue-politische-buch-staat-im-ausverkauf-privatisierung-deutschland 

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