Böll befragt ... Jan Ovelgönne (10|17)

Böll befragt ... Jan Ovelgönne (10|17)

Urheber: privat. All rights reserved.

Lieber Jan, es gibt wohl abertausende Blickwinkel und Sichtweisen, wenn es um die Vorstellung eines "idealen" Wirtschaftsmodells geht. 
Wodurch hebt sich das Prinzip der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) da ab - und was genau bedeutet es eigentlich?

Die Gemeinwohl-Ökonomie bezieht sich auf den verfassungsgemäßen Zweck der Wirtschaft, nicht nur in Deutschland: Die Mehrung des Gemeinwohls – und damit ist sie meiner Meinung nach schon ziemlich nah am idealen Wirtschaftssystem.
Bei aller Schwierigkeit der Definition des Begriffs „Gemeinwohl“ reicht er in jedem Fall weiter als der Begriff des „Wohlstands“, auf den sich Wirtschaft und Politik aktuell in ihrem Handeln allzu oft beziehen. Die Gemeinwohl-Ökonomie strebt dabei drei elementare Korrekturen des herrschenden Wirtschaftssystems an:
Erstens soll die Steigerung des Gemeinwohls intendierter gesellschaftlicher Zweck sein und nicht mehr die Nebenfolge egoistischen Verhaltens am Markt. Im Moment leben wir in zwei Sphären mit unterschiedlichen Wertvorstellungen: Egoismus, Gewinnstreben, Kompromiss- und Rücksichtslosigkeit führen in der Ökonomie zum Erfolg, sind aber im gesellschaftlichen Zusammenleben verpönt. Das führt immer wieder zu Rollenkonflikten, im Gesellschaftsleben wie in der Ökonomie.
Zweitens soll die Messung wirtschaftlichen Erfolgs anhand der Auswirkungen des eigenen Handelns auf Gesellschaft und Umwelt und nicht mehr anhand der Finanzbilanz vorgenommen werden. Schließlich soll das Ziel des Wirtschaftens (die Steigerung des Gemeinwohls) gemessen werden und nicht das Mittel zu dessen Erreichung (Geld).
Drittens soll strukturelle Kooperation das Mittel der Wahl sein, um das Ziel der Erhöhung des Gemeinwohls zu erreichen. Konkurrenz, so zeigen viele, viele wissenschaftliche Untersuchungen ist ungeeignet, nachhaltigen Erfolg zu erreichen. Kooperative Strategien sind Konkurrenzverhalten langfristig überlegen.
Eine große Stärke des Konzepts der Gemeinwohl-Ökonomie ist ihre Entwicklungsoffenheit und der Wunsch, nicht in Konkurrenz zu anderen Ökonomie-Modellen zu stehen. Vielmehr sollen sich in der Gemeinwohl-Ökonomie die besten Aspekte aller alternativen Ideen wiederfinden.

Ich merke, du kennst dich aus. Woher stammt dein Interesse für dieses alternative Wirtschaftsdenken?

Ich habe mich schon immer seit meinem Erwachen als politisch, gesellschaftlich und ökonomisch mündiger Bürger mit den Auswirkungen meines Handelns auf Gesellschaft und Umwelt beschäftigt. Im Rahmen meiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit an der FH Dortmund durfte ich das nochmal intensivieren und habe die Möglichkeiten und Grenzen der Gemeinwohl-Ökonomie als Gegenentwurf zum Kapitalismus neoliberaler Prägung beleuchtet. Das erlangte Wissen möchte ich weiter vertiefen und teilen.

Wieso braucht unser derzeitiges Wirtschaftsverständnis den Umbruch unmittelbar?

Mit unserer Art, zu wirtschaften stoßen wir tagtäglich an Grenzen: Die psychischen Belastungen an die/den Einzelne*n sind extrem gestiegen. Als Gesellschaft erleben wir eine soziale Ungleichheit, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Auf unserer Jagd nach Wirtschaftswachstum mehren sich die Krisen in Zahl und Intensität. Unser Wachstum geht immer stärker zulasten anderer Länder, man spürt, dass da etwas nicht in Ordnung ist. 2010 gab es eine Umfrage der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung, in der 90% der Befragten angab, sie wünschten sich eine Wirtschaftsordnung, die sozialen Ausgleich und stärkeren Umweltschutz anstrebt. Der Klimawandel ist ein Ergebnis des „größten Marktversagens in der Geschichte des Kapitalismus“, sagte der britische Schatzkanzler Nicholas Stern 2006. Er ist gleichzeitig die größte Herausforderung an die Weltgemeinschaft, allein deswegen darf die Systemfrage durchaus gestellt werden.

Stichwort Politik: Du bist selbst aktives Mitglied der GRÜNEN. Siehst du Schnittstellen zwischen der GWÖ und der GRÜNEN Politik?

Unbedingt! Die GRÜNEN sind die Partei in Deutschland, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Ur-GRÜNE Forderungen wie die Eindämmung der Massentierhaltung, der Ausbau von ökologischer Landwirtschaft, die Energiewende, die Regulierung der Finanzwirtschaft bis hin zur Förderung und zum Schutz unterschiedlichster Lebensentwürfe innerhalb der Gesellschaft spiegeln sich in den Zielen der Gemeinwohl-Ökonomie. 
Winfried Kretschmanns Regierung hat sich im GRÜN-Schwarzen Koalitionsvertrag von Baden-Württemberg dazu verpflichtet, ein Modell-Projekt zur Gemeinwohl-Bilanzierung eines landeseigenen Betriebes durchzuführen. Die Erkenntnisse daraus sollen einerseits weitere Betriebe dazu animieren, sich mit der Gemeinwohl-Ökonomie auseinanderzusetzen und andererseits das Modell weiterentwickeln.
Es gibt also bereits Schnittstellen und meiner Ansicht nach viele Gründe, das Thema auch in der Partei weiterzudenken und zu diskutieren.

Ist gemeinwohlorientiertes Handeln und Wirtschaften also die Lösung aller sozial-ökonomischen Probleme? Oder siehst du auch Kritikpunkte, besonders bei der Umsetzbarkeit?

Es klingt nach Utopie, zu schön, um wahr zu sein und ja, sicher gibt es auch Kritikpunkte, was das Modell angeht. Dabei gibt es schon jetzt viele Betriebe, die ihr wirtschaftliches Handeln einer Gemeinwohl-Überprüfung unterziehen. Viele Betriebe, auch unabhängig von der Gemeinwohl-Ökonomie, setzen im herrschenden System andere Schwerpunkte. Sie wollen z.B. nicht um jeden Preis wachsen, nutzen regionale Rohstoffe, auch wenn diese teurer sein könnten oder räumen ihren Beschäftigten mehr Mitspracherecht bei der Unternehmensentwicklung ein. In diesen Betrieben herrscht ein vergleichsweise besseres Miteinander unter den Beschäftigten, eine höhere Identifikation mit dem Betrieb und seinen Produkten und mehr Zufriedenheit - auch, wenn dort nicht unbedingt mehr Geld verdient wird. Insofern halte ich die Gemeinwohl-Ökonomie schon für eine mögliche Lösung sozial-ökonomischer Probleme – ob sie jedoch die Lösung für alle Probleme, da bin ich vorsichtig.
Die Frage der Umsetzbarkeit hat zwei Ebenen. Im herrschenden System kann die Gemeinwohl-Orientierung nur eingeschränkt priorisiert werden, da sich ja die Ziele des herrschenden Systems und die der Gemeinwohl-Ökonomie teils diametral widersprechen. Die Gemeinwohl-Ökonomie als Systemalternative umzusetzen wird eine Generationenfrage, denn sie tritt bei aller Einsicht in die Fehlerhaftigkeit des herrschenden Systems gegen einen Kapitalismus an, der sich spätestens seit der industriellen Revolution weltweit durchgesetzt hat und unser denken und handeln stärker bestimmt, als wir manchmal glauben.

Verwandte Inhalte

  • Böll befragt ... Martin Heyer (9|17)

    Interview

    Moderator, Coach, Trainer, Berater - es gibt wohl kaum einen besseren Experten als Martin Heyer, wenn es um Hilfestellung bei der eigenen Zielfindung geht. Warum sich Coaching  auch - und besonders -  bei ehrenamtlichen Gruppen lohnt, erklärt euch Martin im Gespräch.

    By Veronika Jellen
  • Böll befragt ... Manfred Beck (5|17)

    Interview

    Spannendes Thema, spannender Gast: Wie wichtig Bildung für nachhaltige Entwicklung besonders auch außerhalb des Schulgebäudes ist, erfahrt ihr hier im Gespräch mit der Kommunal-Koryphäe Dr. Manfred Beck.

    By Veronika Jellen

Neuen Kommentar schreiben