Bei der Bildungsreise "Das feministische Brüssel erleben" der Heinrich Böll Stiftung NRW begaben sich rund zwanzig Teilnehmer*innen auf die Suche nach Perspektiven, Organisationen und Orten, die sich für ein geschlechtergerechtes Europa einsetzen. Alina Reize teilt im Reisebericht ihre Impressionen und Erkenntnisse.
Wie viel Feminismus steckt in europäischer Politik? Dieser Frage gingen im September 2025 rund zwanzig Teilnehmer*innen der Exkursion „Das feministische Brüssel entdecken“ der Heinrich Böll Stiftung NRW eine Woche lang in Brüssel nach. So unterschiedlich sich die Gruppe zusammensetzte (mit dabei waren u.a. Berufstätige, Studierende oder Menschen im Ruhestand), so vereinte sie alle der Wunsch, feministische Perspektiven in Europa sichtbar zu machen und zu stärken.
Das Programm führte die Teilnehmenden zunächst ins Büro der Heinrich Böll Stiftung in Brüssel, wo ein erster Austausch zur Genderpolitik der Europäischen Union stattfand. Anschließend gab es Gelegenheiten, die Funktionsweise der Institutionen nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern auch praktisch vor Ort zu erleben. Besonders eindrücklich war die Begegnung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der European Women's Lobby, die seit vielen Jahren feministische Themen auf europäischer Ebene vorantreibt. Auch der Besuch im Europäischen Parlament bot wertvolle Einblicke. Dort nahm sich die Abgeordnete Alexandra Geese Zeit, um über aktuelle Debatten in der Digitalpolitik, die alltäglichen Herausforderungen der politischen Zusammenarbeit und die Arbeitsweise im Parlament zu berichten. Weitere Stationen waren die Europäische Kommission, die Ständige Vertretung Deutschlands und eine öffentliche Sitzung des Ausschusses für die Rechte der Frauen und Gleichstellung der Geschlechter (FEMM Committee), bei der die Teilnehmenden feministische Politik in Aktion erleben konnten.
Deutlich wurde dabei, dass Führungspositionen in der EU nach wie vor ungleich verteilt sind. Nur 38,7 Prozent der Abgeordneten im Europäischen Parlament sind Frauen, ein Rückgang im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode. Unter den 27 Mitgliedern der Europäischen Kommission sind lediglich elf Frauen, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Trans-, nicht-binäre und agender Personen tauchen in den Statistiken kaum auf, ihre Stimmen bleiben weitgehend unsichtbar. Es existieren rechtliche Vorgaben wie die Richtlinie 2022/2381, mit dem Ziel ausgewogene Vertretung der Geschlechter in den Leitungsorganen zu fördern, zu analysieren, zu beobachten und zu unterstützen. Beispielsweise können Mitgliedsstaaten Gleichstellungsstellen benennen und bis 2026 ist ein Anteil von 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen vorgesehen. Doch zwischen den formulierten Zielen und der tatsächlichen politischen Realität scheint noch eine große Lücke zu sein.
Im Laufe der Exkursion wurde deutlich, dass feministische Politik weit über Quoten hinausgeht. Sie bedeutet, Care-Arbeit gerecht zu verteilen, das Recht aller Menschen auf Respekt, Achtung und Schutz zu garantieren und patriarchale Muster wie toxische Männlichkeitsnormen zu überwinden. Gleichzeitig wurde immer wieder betont, dass Gleichstellung nur intersektional gedacht werden kann. Diskriminierung trifft Menschen nicht ausschließlich aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch durch Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, soziale Lage oder Alter. Diese Verflechtungen müssen zusammengedacht werden, wenn echte Gleichberechtigung entstehen soll.
Die Reise nach Brüssel hat mir verdeutlicht, dass Feminismus in der europäischen Politik zwar präsent ist, aber noch längst nicht selbstverständlich und aktuell politisch immer wieder unter Beschuss steht. Bestehende Maßnahmen sind eine Grundlage, auf die aufgebaut und darüber hinausgedacht werden muss, zum Beispiel in der Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter, die momentan für 2026 bis 2030 ausgearbeitet wird. Entscheidend bleibt, dass mehr FINTA*-Personen in Entscheidungspositionen vertreten sind. Nur wenn die Vielfalt der Gesellschaft in den politischen Institutionen sichtbar wird, kann Demokratie lebendig und gerecht gestaltet werden.
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