Böll befragt ... Maren Jungclaus (5|19)

Böll befragt ... Maren Jungclaus (5|19)

Interview

"Mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass es ein Geschenk ist, in einem Land leben zu können, wo es ein solches Regelwerk gibt und das auch nicht so einfach missachtet oder geändert werden kann." Maren Jungclaus über  das Grundgesetz und die interkulturelle Arbiet des Writers' Room Düsseldorf.

Maren Jungclaus, Literaturbüro NRW — Bildnachweise

Liebe Maren, Du hast in Düsseldorf den „Writers` Room“ gegründet, in dem eingewanderte Schriftsteller*innen und Schreiber*innen zusammenkommen, um sich zu vernetzen und sich eine berufliche Perspektive aufbauen möchten. Wie bist Du damals auf die Idee gekommen?
Die Idee entstand 2015. Die Flüchtlinge, die nach Düsseldorf kamen, waren ja nicht eine graue Flüchtlingsmasse, sondern in erster Linie Menschen mit eigenen Identitäten, Persönlichkeiten und Berufen. Also auch Journalist*innen, Autor*innen, Blogger*innen etc. Für alle Menschen ist es eine schwierige Erfahrung, sich in einer neuen Heimat nicht verständigen zu können, wer aber die Sprache zu seinem beruflichen Werkzeug gemacht hat, macht eine besonders harte Erfahrung. So entstand die Idee, im Literaturbüro eine Plattform zu bieten für nach Düsseldorf geflüchtete Schreibende, damit sie sich untereinander vernetzen, aber auch Düsseldorfer Autor*innen, Journalist*nnen und andere professionell Schreibende treffen zu können. Das war sehr viel leichter gedacht als getan aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten – vor allem sprachlicher – aber gemeinsam mit dem ähnlich gelagerten Projekt „Schreiben ohne Grenzen“ der Heinrich-Heine-Universität und mithilfe der Volkshochschule hat sich dann der „Writers‘ Room – Schreiben ohne Grenzen“ entwickelt. Bei den wöchentlichen Treffen werden eigene und fremde Texte gelesen und sehr sehr viel diskutiert. Hin und wieder haben wir Multiplikator*innen, die Einblick geben in das jeweilige Berufsfeld, also Autor*innen, Journalist*innen, Mitarbeiter*innen von Stiftungen etc. Daraus ergab sich ein Projekt mit der Westdeutschen Zeitung im letzten Frühjahr, und einige der Autor*innen aus dem mittlerweile vollkommen multikulturellen Kreis veröffentlichen dort weiterhin. Auch an dem Projekt „Traumfabrik Deutschland“ der VHS haben einige sehr erfolgreich teilgenommen. Das Ziel, hier wenigstens ansatzweise mit der Sprache – und zwar mittlerweile mit der deutschen! – arbeiten zu können, haben wir also schon erreicht.  

Das Grundgesetzt feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Die Autor*innen des Writers´ Room haben für sie besonders wichtige Artikel literarisch verarbeitet. Was ist dir bei dieser Zusammenarbeit besonders in Erinnerung geblieben?
Die intensive Zusammenarbeit mit den Autor*innen und die neuen Erkenntnisse, die ich gewonnen habe: Wie blicken Menschen aus aller Welt auf die Präambeln, die für uns so ganz selbstverständlich sind? Wie sieht es in einem Land aus, in dem es solche Regeln für das Zusammenleben nicht gibt bzw. diese Regeln keine Bedeutung haben für die Regierenden – und damit auch nicht für die Menschen. Und dann: Wie kreativ kann man umgehen mit den Themen, die die Grundrechte enthalten! Aufgabe war ja ein ganz freier, literarischer Umgang damit und entstanden sind Essays, Geschichten, Lyrik, Sprachbilder, Märchen und Minidramen. Lustige, traurige, nachdenkliche.

Inwieweit hat sich dein Verhältnis zum Grundgesetz durch diese Arbeit verändert?
Mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass es ein Geschenk ist, in einem Land leben zu können, wo es ein solches Regelwerk gibt und das auch nicht so einfach missachtet oder geändert werden kann. Allerdings ist 70 Jahre doch ein ganz schönes Alter und einige Veränderungen, Zusätze etc. wären dringend notwendig – nach vorheriger demokratischer Diskussion natürlich…

Gibt es einen Artikel, der für dich eine besondere Rolle spielt?
Wie für viele Menschen wohl der erste: Die Würde des Menschen des Menschen ist unantastbar. Der zeigt schon, welche Anforderungen die Grundrechte an uns stellen. Was so lapidar daher kommt, ist kaum umsetzbar, wenn man sich ernsthaft überlegt, auf welch verschiedene Weisen Menschenwürde verletzt werden kann. Da müssen wir gar nicht an Unterdrückung, Folter etc. denken. Das fängt im ganz kleinen an, auf der Straße, im Beruf, unter Freunden, überall.

Der Schauspieler Christof Seeger-Zurmühlen wird die Beiträge bei der Veranstaltung am 28. Mai vortragen. Was erwartet unsere Teilehmer*innen noch an diesem Abend?
Texte gewinnen immer durch einen guten Vortrag, darum ist es ein wunderbares Geschenk der Böll-Stiftung, einen Profi mit dem Lesen beauftragen zu können. Zu jedem der gelesenen Beiträge gibt es aber ein Gespräch mit dem jeweiligen Verfasser/ der Verfasserin über die Hintergründe: Welche Person und welches Herkunftsland steckt hinter dem Text? Warum war ihr/ihm gerade dieser Artikel wichtig? Wie ist überhaupt die Meinung zum deutschen Grundgesetz? 
Und dann wird natürlich noch angestoßen: Auf das Buch, das an diesem Abend erstmals präsentiert wird!, die Autor*innen, und natürlich auf das Grundgesetz, das sich so viele Jahre wacker geschlagen hat und das sicher auch weiter tun wird –  auch, wenn es hier und da ernst zu nehmende Versuche gibt, die Präambeln zu unterlaufen. Eine kleine Ausstellung gibt es zudem auch noch.

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