Im Rahmen des 28. Böll-Forums NRW, welches unter dem Motto "Von Polykrisen zu Polylösungen" am 08. Oktober 2026 im tanzhaus nrw in Düsseldorf stattfand, wurde Axatin e.V. mit dem 20. Ideen- und Initiativenpreis "Der Heinrich" ausgezeichnet. Frank Jablonski Nagel hielt die untenstehende Laudatio.
Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste des Böll-Forums,
Polykrisen. Poly… Krisen
Viele Krisen. Viele Krisen gleichzeitig.
Nichts, also wirklich nichts an diesem Ausdruck klingt gut oder beruhigend oder beherrschbar.
Wir leben in einer Zeit, in der das Wort „Krise“ nicht mehr länger einen momentanen Ausnahmezustand zu beschreiben scheint, sondern scheinbar vielmehr den Zustand der Welt an sich:
Wir haben die Klimakrise, Energie- und Wirtschaftskrise, Sicherheitskrise oder die Krise der liberalen Demokratien.
Oder etwas konkreter: Die diversen Krisen im Nahen Osten, im Sudan, in Myanmar, in Venezuela oder Bolivien.
Fehlt etwas? Vielleicht das Thema Kindersoldaten? Oder Zwangsprostitution in der Europäischen Union? Die Krise der Demographie? Die Vermögensverteilung in unserer Gesellschaft?
Um nur einige wenige zu nennen: Sie alle prägen unsere Gesellschaft, unsere alltäglichen Lebensrealitäten, unseren Blick in die Zukunft.
Krisen begegnen uns im Alltag, in sozialen Netzwerken, in den Medien. Ihre Auswirkungen bemerken wir ganz konkret beim Einkauf im Supermarkt, beim Blick auf die letzten Wahlergebnisse oder in einschlägigen Umfragen, die etwa feststellen, dass der überwiegende Teil unserer Gesellschaft nicht mehr zuversichtlich in die Zukunft blickt.
Denn das Vorhandensein all dieser Krisen, die sich gegenseitig überlagern, beeinflussen und höchst komplexer Natur sind, macht es derzeit für viele Menschen schwer, hoffnungsvoll zu sein. Das ist auf der einen Seite verständlich. In Anbetracht all der Herausforderungen, die da auf uns zukommen, oder die unser aller Leben längst prägen, kann man sich schnell erschlagen und überfordert fühlen.
Diese Gefühle sind menschlich und nachvollziehbar. Aber sie sind fatal.
Denn wer keine Hoffnung mehr hat, dass es morgen besser werden kann als heute, ist anfällig dafür, in Resignation zu verfallen.
Menschen, die nicht wissen, wo sie überhaupt anfangen sollen, sich für eine bessere Welt einzusetzen, kommen nicht ins Handeln.
Kurz: Wer keine Optionen mehr sieht, der gibt auf.
Unwillkürlich ist mir der Protagonist aus Heinrich Bölls „Wanderer, kommst Du nach Spa…“ in den Sinn gekommen. In der Kurzgeschichte Bölls kommt ein Kriegsversehrter des zweiten Weltkriegs in seine ehemalige Schule zurück und realisiert, dass er nicht nur beide Arme und ein Bein verloren hat, sondern, dass auch das Weltbild für das er in den Krieg gezogen ist, Schuld an seinem Tod sein wird.
Dieser Protagonist ist wie das Sinnbild einer Polykrise, er ist nahezu allen Handlungsoptionen beraubt und er stellt seine bisherigen Überzeugungen, seine Weltanschauung radikal in Frage.
Es scheint so, als hätte er keine Optionen mehr und die Ohnmacht müsste die Oberhand gewinnen.
Aus diesem Grund ist die Ausrichtung des diesjährigen Böll-Forums so wichtig. Wir wollen uns hier heute darüber austauschen, welche Handlungsoptionen wir haben, um den Krisen dieser Welt zu begegnen und ob nicht Polykrisen mit Polylösungen begegnet werden können.
Dabei geht es nicht darum, die Größe der Herausforderungen oder die Komplexität dieser Aufgaben zu verschleiern. Wir alle müssen uns bewusst sein, dass es keine einfache Formel gibt, die wir zur Anwendung bringen und damit all die Krisen magisch verschwinden lassen. Vielmehr geht es darum, sich über Ansätze auszutauschen, die sich den multiplen Krisen stoisch entgegenstellen und sagen: Ich gehe jetzt los, ganz egal wie steinig der Weg wird.
Es ist mir eine ganz besondere Ehre, heute hier die Empfängerinnen und Empfänger des diesjährigen Heinrichs verkünden zu dürfen.
Der Preis geht nämlich an einen Verein, dessen wichtige Arbeit ganz im Geiste des diesjährigen Forums Menschen befähigt, zu handeln. In seiner wichtigen Arbeit adressiert der Verein eine ganze Reihe hochrelevanter Themenfelder wie rassismuskritische Arbeit, Entwicklungszusammenarbeit und Bildungsgerechtigkeit und denkt sie nicht isoliert, sondern als ein verzahntes Problemgefüge, dem mit interdisziplinärem Handeln und kosmopolitischem Denken begegnet werden muss.
Mit großer Freude gratuliere ich dem Verein Axatin zur Auszeichnung mit dem Heinrich-Preis.
Die Mitglieder von Axatin demonstrieren seit vielen Jahren auf beeindruckende Art und Weise, was für erstaunliche Ergebnisse das unablässige Engagement weniger Menschen mit einer gemeinsamen Vision erzielen kann. Der Verein, der sowohl in Deutschland als auch im Senegal aktiv ist und sich als Brückenbauer zwischen den beiden Ländern versteht, bringt nachhaltige Bildungsarbeit, transkulturelle Solidarität und langfristiges Empowerment zu einem Gesamtkonzept zusammen, das ganz konkrete, sichtbare und langfristige Verbesserungen im Leben vieler Menschen zur Folge hat.
„Die Axatin“ ist ein Wort aus der senegalesischen Sprache Sérère und bedeutet soviel wie "Bildung, lernen, lehren".
Axatin verfolgt dabei einen dualen Ansatz: Zum einen entwickeln sie sowohl im Senegal als auch in Deutschland individuelle Projekte, die geeignet sind, den jeweiligen Herausforderungen vor Ort zu begegnen. Gleichzeitig denken sie die Arbeit in den beiden Ländern nicht isoliert, sondern stellen Vernetzung, Austausch und die Förderung von transnationaler Verständigung in den Mittelpunkt ihres Handelns.
Das Herzstück der Vereinsarbeit im Senegal bildet dabei der Aufbau einer Dorfschule in der Nähe der Stadt M’bour im zentralen Westen des Senegal. Die Schule verfügt bereits heute über vier Klassenräume und eine Schulkantine und beschäftigt 5 Lehrer*innen, die etwa 125 Schüler*innen in fünf Klassen unterrichten.
Die Schule stellt jedoch nicht nur ein wichtiges Bildungsangebot in einer Region dar, in der es zuvor für viele Kinder keine Möglichkeit gab, überhaupt zur Schule zu gehen. Sie fungiert auch als sozialer und gesellschaftlicher Knotenpunkt in der Region und steht etwa im engen Austausch mit einem Elternrat und einer Frauenorganisation, die sich in partnerschaftlicher Zusammenarbeit für die Bildung der Kinder einsetzen. Die Erfolge sind beachtlich: Die ersten Kinder, die durch das Projekt begleitet wurden, studieren heute bereits oder machen eine Berufsausbildung.
Das zeigt: Axatin bricht Bildungsbarrieren auf, gibt jungen Menschen eine Perspektive und befähigt sie, ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können.
In Deutschland liegt der Schwerpunkt der Arbeit von Axatin auf der Stärkung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte - besonders von Frauen, Kindern und Jugendlichen mit afrikanischer Biografie. Durch Workshops, Vorträge und Veranstaltungen zu u.A. Antirassismusarbeit, Demokratiebildung, Kinderrechten und vielen weiteren progressiven Querschnittsthemen fördert der Verein aktiv sozialen Zusammenhalt und bekämpft die Xenophobie, die unsere Gesellschaft derzeit leider so stark wie seit langer Zeit nicht mehr bedroht.
Die Relevanz sowie die Erfolge der Arbeit von Axatin sind also gleichermaßen offenkundig. Ich könnte mir für den diesjährigen Böll-Preis keine geeigneteren Preisträger vorstellen und möchte ihnen allen für ihre wichtige Arbeit ausdrücklich danken.
Zu guter Letzt möchte ich jedoch einer Person nochmals gesondert gratulieren, ohne die es den Verein Axatin nicht geben würde: Die Gründerin und erste Vorsitzende Gilberte Raymonde Mandel-Driesen, die sich vor vielen Jahren entschlossen hat, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen über den Senegal und Deutschland zusammenzubringen und so den Grundstein für die bemerkenswerten Erfolge zu legen, die der Verein und seine Mitglieder über die Jahre errungen haben.
Liebe Frau Mandel-Driesen, Sie sind das beste Beispiel dafür, dass man auch in Anbetracht multipler Krisen nicht den Kopf in den Sand stecken und denken darf, man könne nichts gegen sie ausrichten.
Axatin ist ein wunderbares Beispiel unkompliziert einfach etwas zu bewirken. Gemeinsam mit Menschen Polylösungen zu entwickeln. Bedingungslos. Einfach so. So wie Axatin.
Vielen Dank für Ihre Arbeit, die so viele Menschen inspiriert und befähigt, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen.