Böll befragt ... Martin Heyer (9|17)

Böll befragt ... Martin Heyer (9|17)

Moderator, Coach, Trainer, Berater - es gibt wohl kaum einen besseren Experten als Martin Heyer, wenn es um Hilfestellung bei der eigenen Zielfindung geht. Warum sich Coaching  auch - und besonders -  bei ehrenamtlichen Gruppen lohnt, erklärt euch Martin im Gespräch.

Urheber: privat. All rights reserved.
Moderator, Coach, Trainer, Berater - es gibt wohl kaum einen besseren Experten als Martin Heyer, wenn es um Hilfestellung bei der eigenen Zielfindung geht. Warum sich Coaching  auch - und besonders -  bei ehrenamtlichen Gruppen lohnt, erklärt euch Martin im Gespräch.
Martin, beruflich bist Du unter anderem als Coach und Trainer unterwegs. Was kann ich mir genau darunter vorstellen? Betreust Du eine Sportmannschaft?

Wenn Du irgendwann einmal das Missvergnügen gehabt hättest, mich beim Mannschaftssport zu beobachten, wärst Du auf diese Idee sicher nicht gekommen. Ich bin leider schrecklich grobmotorisch und mache daher lieber Kraft- und Ausdauersport. Und was man selbst nicht kann, sollte man auch besser nicht versuchen, anderen beizubringen. Aber trotzdem danke für die Vorlage- der Vergleich mit dem Sport passt gut, um mein Verständnis der Begriffe „Trainer“ und „Coach“ zu erklären. Bei beiden Tätigkeiten geht es um Weiterbildung. Ein Trainer ist dabei jemand, der einer Gruppe von Menschen bestimmte Fertigkeiten vermittelt bzw. dabei hilft die bereits vorhandenen Fähigkeiten zu verbessern. Beim Fußball könnten das Dinge wie Dribbeln oder Kopfballspiel sein. Als Trainer kümmere ich mich in erster Linie um kommunikative Fertigkeiten: Argumentation, öffentlicher Auftritt, Moderation und auch Führungskommunikation. Coaching ist aus meiner Sicht ein bisschen etwas Anderes. Beim Coaching geht es weniger um die Vermittlung von Techniken und Fertigkeiten, als darum heraus zu arbeiten, was die gecoachte Person (Coachee) wirklich will, welche Ressourcen ihr/ihm zur Verfügung stehen um dieses Ziel zu erreichen und was die Hindernisse auf dem Weg sind. Der Coach ist also weniger ein Lehrer, als ein Begleiter auf dem Weg zu sich selbst. Das erfordert eine andere Haltung, denn dem Coach muss immer klar sein, dass er weder das Problem noch die Lösung kennt. Die/der Coachee weiß selbst immer schon wo der Schuh drückt und auch der Lösungsweg kann immer nur vom Coachee kommen. Nachdem ich jetzt die Unterschiede erklärt habe, muss ich allerdings zugeben, dass ich bei den meisten Prozessen ein bisschen von Beidem gefragt ist. Nach meiner Erfahrung haben aber Menschen schon die meisten Fähigkeiten, die sie brauchen um an ihre Ziele zu kommen. Deshalb versuche ich immer, möglichst wenig Trainer und möglichst viel Coach zu sein.

Bietet sich so ein Coaching  denn auch für Gruppen, wie beispielsweise Ehrenamtler eines Vereins, an?

Eigentlich ist Coaching für Gruppen fast noch wichtiger als für Einzelpersonen. Beim Coaching geht es ja immer um Ziele und die spielen in Gruppen eine besonders wichtige Rolle. Einerseits sind es die gemeinsamen Ziele, die eine Gruppe zusammen halten. Andererseits sind sich die Mitglieder von Gruppen oft gerade über diese Ziele nicht besonders klar. Jede/jeder hat z.B. andere Gründe für die Mitgliedschaft in einer ehrenamtlich arbeitenden Verein. Diese Motive sind auch in der Regel völlig legitim. Damit die Gruppe aber nach außen wirksam werden kann, ist es wichtig klar zu formulieren, was die Gruppe verbindet. Wie sonst sollte man messen, ob Gruppenhandeln erfolgreich ist? Ich erlebe oft, dass Unzufriedenheit in einer Gruppe auch damit zu tun hat, dass man nicht  über gemeinsame Werte und Ziele redet. Da jede/jeder dann andere Vorstellungen davon hat, führt das fast zwangsläufig zu Konflikten. Ein Teamcoaching kann in so einer Situation sehr hilfreich sein.

Welche sind Deiner Meinung nach die größten Probleme, mit denen oben genannte Gruppen hadern? Hast du evtl. selbst in dieser Hinsicht schon Erfahrungen gemacht?

Ich arbeite viel mit ehrenamtlichen Gruppen im Bereich Politik und Zivilgesellschaft. Die grundsätzlichen Fragen sind eigentlich überall gleich: Was sind unsere gemeinsamen Ziele? Welche Strategie haben wir um diese zu erreichen? Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung? Wie organisieren wir uns intern um effizient aber trotzdem mit Freude zu arbeiten? Gerade in Parteien und ehrenamtlich arbeitenden Vereinen stellt sich immer die Frage, wie man eine gute Balance zwischen einem Professionalitätsanspruch und basisorientierte Entscheidungsprozessen hinbekommt. Gerade weil offene Fragen nicht wie z.B. in Behörden oder vielen Unternehmen ohne weiteres auf hierarchischem Weg beantwortet werden können, stellt sich umso dringlicher die Frage nach Entscheidungsleitlinien und eben auch Führung. Dazu kommt, dass die Entwicklung der Arbeitswelt in den letzten 20 Jahren, ehrenamtliches Engagement eher schwieriger gemacht hat. Gerade jüngere Menschen haben oft nicht die Zeit sich neben Schule, Studium und Beruf umfänglich ehrenamtlich zu engagieren. Für Gruppen die auf ehrenamtlichem Engagement beruhen ist das eine hohe Herausforderung: Wie schafft man niederschwellige Möglichkeiten der Beteiligung? Wie gewinnt und bindet man neue Mitglieder? Und wie geht man damit um, wenn diese neuen Mitglieder andere Vorstellungen zu Zielen und Arbeitsformen der Institution mit einbringen?  Das sind keine einfachen Fragen, aber wenn eine Gruppe nachhaltig erfolgreich arbeiten will, kommt sie nicht umhin sich genau diesen Fragen zu stellen.

Hast du einen Tipp für eine mögliche Lösung?

Wäre es nicht toll, wenn es einfache Lösungen gäbe? Aber die Lösungen sind so vielfältig, wie die Institutionen in denen Probleme auftreten. Manchmal geht es um Optimierung von Prozessen. Oft ist es eine Frage von klaren Zielen und Fokussierung. Nicht selten scheitern Gruppen an ihrem Anspruch alles und zudem alles perfekt machen zu wollen. Und in manchen Fällen geht es einfach nur darum wieder Spaß an der gemeinsamen Arbeit zu finden. Die effektivste Form eine Gruppe zu ruinieren ist es, ihr von außen eine Patentlösung aufzustülpen. Gerade bei der Nachwuchsarbeit ist ein genaues Hinschauen unerlässlich. Einfach nur auf Teufel komm raus neue Mitglieder zu rekrutieren führt manchmal nicht zu einer Stabilisierung der Gruppe sondern zum genauen Gegenteil. Bei unserem Seminar „Mitglieder erfolgreich finden und binden“ werfen wir gemeinsam einen Blick auf die verschiedenen Herausforderungen denen die Teilnehmenden bei der Personalentwicklung im Ehrenamtsbereich gegenüberstehen. Mit Blick auf die jeweils ganz konkrete Gruppe um die es geht, soll dann die Grundlage eines Konzepts erarbeitet werden. Das  bildet dann die Grundlage für ein Konzept, das vor Ort mit dem jeweiligen Verein oder der sonstigen Institution weiter entwickelt und umgesetzt werden kann. Es ist wirklich zu empfehlen sich dafür genug Zeit zu gönnen um Raum für Kreativität und umsetzbare Lösungen zu eröffnen. Unterstützung für solche Prozesse vor Ort kann man natürlich auch von Coaches/ Trainer*innen der Heinrich Böll Stiftung bekommen.

Martin live erleben - bei unserem Mitgliederseminar am 06./07. Oktober in Wuppertal. Alle Infos gibt's hier.

Verwandte Inhalte

  • Böll befragt ... Manfred Beck (5|17)

    Spannendes Thema, spannender Gast: Wie wichtig Bildung für nachhaltige Entwicklung besonders auch außerhalb des Schulgebäudes ist, erfahrt ihr hier im Gespräch mit der Kommunal-Koryphäe Dr. Manfred Beck.

    By Veronika Jellen

Neuen Kommentar schreiben