Hannah Arendt: Flucht, Menschenrechte, Menschenwürde

Hannah Arendt: Flucht, Menschenrechte, Menschenwürde

Veranstaltungsbericht

Hannah Arendt geht 1943 in ihrem Text „Wir Flüchtlinge“ über spezifische Fluchterfahrungen von Verfolgten des Nationalsozialismus aus, doch ihre Erfahrungen und Schlussfolgerungen zu diesem Thema, auch an anderen Stellen ihrer Werke, bieten die aktuellen Denkanstöße, denen die Heinrich Böll Stiftung Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit dem Heinrich Böll Haus Langenbroich, dem Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen sowie dem Grünen Salon Aachen eine zweitägige Veranstaltung mit dem Titel „Flucht – Menschenrechte – Menschenwürde: zur Aktualität von Hannah Arendt“ widmete.

v.l. Iris Witt, Omar-Al-Jaffal, Dolmetscher, Rosa Yassin Hassan, Moderatorin — Bildnachweise

Ziel war es, sich neben Arendts philosophischen und politischen Reflektionen auch den aktuellen brennenden Menschheitsfragen zu Flucht und Menschenrechten zu nähern  und notwendige aktuelle Handlungsoptionen zu entwickeln.

Der Freitagnachmittag des 26. Oktober 2018 bot die Möglichkeit, zunächst das historische Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich als Zufluchtsort für Heinrich Böll und dann auch, bis heute, für verfolgte Gäste des Literaturnobelpreisträgers kennenzulernen. Der Geschäftsführer des Heinrich Böll Haus Langenbroich, Stefan Knodel und Markus Schäfer, Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung im Böll-Archiv Köln konnten aus der jahrzehntelangen Historie des Hauses bemerkenswerte Ereignisse aus dem Leben von Heinrich Böll sowie über die Stipendiat*innen des Hauses berichten. 
 

Der Abend bot dann die Möglichkeit, zwei ehemalige Stipendiat*innen des Heinrich-Böll-Hauses persönlich zu erleben. Getagt wurde in einem beheizten Außenzelt, da das Interesse so groß gewesen war, dass die Teilnehmer*innen, nunmehr über vierzig, nicht mehr im kleinen ehemaligen Ferienhaus von Heinrich Böll Platz fanden. Omar Al-Jaffal und Rosa Yassin Hassan boten eindrucksvolle Beispiele der literarischen Bearbeitung ihrer Fluchtsituation und stellten ihre Position zu existentiellen Fragen unserer Welt konkret kritisch dar.

Am folgenden Tag, Samstag, dem 27. Oktober 2018, leiteten zwei Referate zu Hannah Arendt, von Dr. Jürgen Förster und Professor Dr. Thomas Meyer, einen Tag ein, der sich mit Aspekten der Aktualität von Hannah Arendts Werk befasste. Beide Reden sind von Werner Hager aufgezeichnet worden und können hier & hier ungekürzt angeschaut werden.

Im Folgenden Ausschnitte aus dem Vortragsmanuskript mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jürgen Förster:
„Mir geht es vor allem um die Haltung Arendts, mit der sie ihrer Umwelt begegnete, die ihr immer feindlicher und bedrohlicher gegenüberstand. Das Faszinierende an der Person ist für mich ihr Mut, ihre Unerschrockenheit, ihre geistige und ideologische Unabhängigkeit, ihre Unbestechlichkeit und ihre Direktheit im politischen Urteilen. Manche ihrer Urteile wirken zunächst verstörend und unverständlich, weil sie desillusionierend wirken und lang gehegte Ansichten in Frage stellen, bei längerer Beschäftigung gewinnen sie aber einen tieferen Sinn und man lernt, die Dinge von verschiedenen Seiten zu sehen.

Das Leben Hannah Arendts reflektiert die Katastrophen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die wir mit den Namen Auschwitz und Archipel Gulag benennen. Ihr Werk erschließt sich am besten, wenn man von diesen Erfahrungen ausgeht. Ihr Nachdenken über die Politik ist eine Antwort auf diese Ereignisse. ‚Hannah Arendt war eine deutsche Jüdin gewesen, und dann wurde sie Staatenlose, jüdischer Flüchtling‘, wie es Elisabeth Young Bruehl knapp und prägnant auf den Punkt bringt.

In Was ist Politik? schreibt sie sehr zugespitzt direkt zu Beginn, dass es den Bereich der Politik pervertiert und ruiniert, wenn man die politische Gemeinschaft im Bilde der Familie versteht. Verwandtschaft hebt die Grundbedingung der Politik, die Pluralität, auf (vgl. WP, 10f.). In der Politik geht es für Arendt nicht um den Menschen, sondern es geht um die Welt und um unsere weltlichen Beziehungen. Politik ist für sie Gestaltung und Einrichtung der Welt und weist somit immer einen weltlich vermittelten Charakter auf. Kurz: Politik ist Sorge um die Welt. Die Welt ist das, was die vielen miteinander verbindet, weil sie den Zwischenraum bildet. Arendt benutzt in diesem Zusammenhang gerne die Metapher des Tischs. Der Tisch ist das, was Zwischen uns ist, was uns verbindet und trennt zugleich. Die Beziehungen im öffentlich-politischen Raum basieren auf der fortwährenden Balance von Nähe und Distanz. Der Platz am Tisch weist uns eine bestimmte Perspektive auf die Welt zu und garantiert so die Vielfalt der Perspektiven, Meinungen und Sichtweisen, die wir alle brauchen, um ein gemeinsames Bild von der Welt zu erhalten. Erst die Pluralität erlaubt uns das Gespräch über die Welt.“ 

Zur vertiefenden Befassung von Arendtschen Positionen waren vier Workshops angeboten. Ein fünfter Workshop befasste sich unter Leitung einer Vertreterin von Amnesty International mit der aktuellen Menschenrechtsdiskussion und internationaler Flüchtlingsarbeit.

Die Verbindung zweier inhaltlicher Elemente in einer Veranstaltung, einerseits der Erfahrung, die sich in Bölls Haus mit seinen Bewohner*innen konkreter durch Annäherung an die Praxis von persönlichen Fluchterfahrungen ergibt, und andererseits der kritischen Reflektion von Hannah Arendts Werk und ihren Fluchterfahrungen, dieser Anspruch an alle Teilnehmer*innen wurde allgemein als gelungen und zu weiteren vergleichbaren Wagnissen ermutigend anerkannt.